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Dieses Thema hat 18 Antworten
und wurde 868 mal aufgerufen
 Weihnachtswelt
Seiten 1 | 2
KarinY ( gelöscht )
Beiträge:

02.12.2006 10:19
RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Hallo ihr Lieben,

wie eben angekündigt stelle ich hier eine Weihnachtsgeschichte ein und bitte euch um eure Kritik. Ich selbst bin noch nicht zufrieden, habe aber Probleme damit, den Rotstift anzusetzen, weil ich nicht weiß, wo das möglich ist, ohne dass der Zusammenhang leidet. Aber ich will nicht zu viel reden. Es ist besser, wenn ihr unvoreingenommen daran gehen könnt. Die Geschichte soll, wenn sie gut wird, ein Weihnachtsgeschenk für die Familie werden.

Hier ist sie:

___________________________________________________________

Weihnachten

"Gleich können wir essen. Deckst du schnell den
Tisch?"
"Wo ist denn Paps?"
"Der wird jeden Moment hier sein. Er wollte nur vor
den Feiertagen noch einmal tanken und durch die
Waschanlage fahren."

Darauf hätte ich natürlich auch selbst kommen können.
Niemals hätte für meinen Vater Weihnachten beginnen
können, solange nicht das Ross gestriegelt und wohl
versorgt im Stall stünde. Niemals hätte er nach einer
langen Fahrt auch nur eine schnelle Mahlzeit zu sich
nehmen können, solange noch, je nach Jahreszeit,
Streusalz oder Insektenleichen an Metalliclack,
Scheiben oder Felgen klebten. Nie habe ich jemanden
lauter und unflätiger fluchen hören als meinen Vater,
wenn er bei seiner Rückkehr entdecken musste, dass ein
Vogel die Dreistigkeit besessen hatte, sich über
seinem Autodach zu erleichtern. Zu Hause angekommen
pflegte er sofort einen Eimer mit warmem Wasser zu
füllen, Shampoo hinein zu geben - ich bin mir sicher,
dass es spezielles Autoshampoo war, etwas anderes wäre
ihm nie an den Lack gekommen -, und mit einem großen
Schwamm dem treuen Kumpel zumindest "Erste Hilfe" zu
leisten, bevor er sich selbst niedersetzte und für
sein eigenes Wohl sorgen ließ. Die Batterie an
Pflegemitteln, die für das Auto in der Garage auf
einem eigens dafür gezimmerten Regal bereit standen,
war weitaus umfangreicher als die der Pflegemittel im
Badezimmer, die er sich selbst gönnte.

Wie in jedem Jahr hatten meine Mutter und ich auch in
diesem Jahr den Vormittag des 24. Dezembers damit
verbracht, das Haus weihnachtsfein zu machen. Ein
wenig erschöpft, aber zufrieden saßen wir am
Küchentisch, voller Vorfreude auf die kommenden Tage.
Der Eintopf dampfte auf dem Herd, der Tisch war
gedeckt, nur der Vater fehlte noch.
"Wie spät ist es?"
"Zwölf Uhr. Ein paar Minuten warten wir noch. Er muss
ja wirklich gleich hier sein", meinte meine Mutter.

Ich ging zur Haustür und schaute hinaus. Morgens
hatten wir noch Schneeregen gehabt, aber inzwischen
war es deutlich kühler geworden, und es schneite
heftig. Wie schön! Weiße Weihnacht! Auf den von den
Anwohnern morgens mit Salz bestreuten Gehwegen schmolz
der Schnee noch dahin, aber die Straße, eine
Seitenstraße, durch die niemals ein städtischer
Streuwagen fuhr, war schon ganz weiß. In den letzten
Minuten schien sie kein Auto passiert zu haben, denn
man sah keine Reifenspur. Ich lauschte in die Stille,
aber es unterbrach sie wirklich nichts.

Inzwischen war es halb eins geworden, und wir wurden
langsam hungrig und ärgerlich. Das konnte doch
unmöglich so lange dauern an der Tankstelle! Selbst
unter Berücksichtigung der Tatsache, dass vor den
Feiertagen dort meistens Hochbetrieb herrschte, war
eine solch lange Wartezeit durch nichts mehr zu
erklären. Wir beschlossen, mit dem Essen zu beginnen.
Sollte der Vater doch später allein essen, wenn er uns
hier so schmählich sitzen ließ! Aber er würde ja
gleich kommen, und dann könnte man den Topf schnell
noch einmal aufs Gas stellen. Ganz heiß aß er ohnehin
nicht gern, das wussten wir ja. "Nicht so viiiel!",
waren stets seine ersten Worte, wenn meine Mutter mit
seinem Teller aus der Küche kam. "Heiß!" entfuhr es
ihm, wenn er die erste übervolle Gabel von dem Teller,
der noch kaum das Tischtuch berührt hatte, zum Munde
führte. Dann pflegte er mit der Post, die er bereits
in der anderen Hand hielt, empört über dem Teller zu
wedeln.

Um viertel vor eins saßen wir vor unseren inzwischen
geleerten Tellern. Noch immer war der Vater nicht
aufgetaucht. Seit halb eins hatten alle Geschäfte und
auch die Tankstelle unserer kleinen Stadt geschlossen.
Von der Tankstelle bis nach Hause fuhr man nicht
länger als drei Minuten. Wo konnte er nur sein? Ob wir
nachschauen sollten? Nein, diesen Gedanken verwarfen
wir sehr schnell wieder. Das wäre uns doch zu
lächerlich vorgekommen. Wir versicherten uns
gegenseitig, dass wir, falls ihm wirklich etwas
zugestoßen sein sollte, längst benachrichtigt worden
wären. Man kannte ihn doch überall im Ort. Trotzdem
waren wir allmählich ziemlich besorgt.

Gegen zwei Uhr hörten wir Geräusche an der Haustür.
Jemand stocherte mit dem Schlüssel ums Schlüsselloch
herum. Ich lief zur Tür und öffnete sie. "Frohe ...
hicks ... Weih -hei - nach -ten!" Der Vater stolperte
mir entgegen. - Ja, frohe Weihnachten ... Ein
Weihnachtslied summend tappte er, sich an der Wand des
Flures abstützend, an mir und meiner sprachlosen
Mutter, die mir inzwischen gefolgt war, vorbei,
stakste schnurstracks auf die Wohnzimmercouch zu und
ließ sich mit einem tiefen Seufzer darauf nieder. Eine
Minute später hörten wie nur noch sein lautes
Schnarchen.

Ich ging vors Haus und schaute nach dem Wagen. Wie
"ein Schluck Wasser in der Kurve" stand er dort in der
Einfahrt. So rügte sein Besitzer gern ungeschicktes
Einparken. Als achtzehnjährige Fahranfängerin mit erst
drei Monaten Fahrpraxis war ich schon einige Male in
den Genuss dieses Kompliments für meine
diesbezüglichen Glanzleistungen gekommen. Apropos
Glanz: Eine Christbaumkugel war nichts gegen dieses
Auto, das frisch poliert unter dem Schein der
Straßenlaterne vor mir stand. Die Schneeflocken, die
auf die noch warme Motorhaube fielen, perlten sogleich
von ihr ab und vereinigten sich zu kleinen Rinnsalen,
die an den Kotflügeln und der Stoßstange
hinunterflossen. Ich überlegte, ob ich den Wagen in
die Garage fahren sollte, fürchtete aber ein
väterliches Brauenrunzeln oder Schlimmeres, und
beschloss, lediglich den Schlüssel, der noch im
Zündschloss steckte, abzuziehen und die Tür
zuzuschließen.

Tja, das war eine schöne Bescherung! Was passiert war,
konnten wir uns denken und wurde uns auch Stunden
später bestätigt. In der Tankstelle hatten sich einige
Nachbarn, die ebenfalls "nur schnell tanken wollten",
zusammengefunden und spontan, da man ja so jung nicht mehr zusammenkam, des verflossenen Jahres gedacht und dabei nicht nur dem Geist der Weihnacht, sondern auch dem Weingeist gehuldigt, der dort in praktischen kleinen Portionsfläschchen vom Tankstellenpächter feilgeboten wurde. Der Vater, kein Kind von Traurigkeit und ein Freund spontaner Entschlüsse, hatte am längsten
ausgeharrt. Aber nun waren Wagen und Vater wieder zu Hause.
Der Wagen schien unversehrt, und auch der Vater würde sich wohl wieder aufrappeln, wenn man ihn ein wenig schlafen ließ.

Das Problem war nur, dass ihm zu seiner Rekonvaleszenz
nicht unendlich viel Zeit zur Verfügung stand. Wir
hatten nämlich noch ein recht straffes
Festtagsprogramm zu bewältigen, bevor wir uns unter
dem Christbaum niederlassen konnten. Nicht nur mussten
den Ahnen auf dem Friedhof die Lichter angezündet
werden, was notfalls auch wir beiden Frauen allein
hätten erledigen können, sondern es stand die
Bescherung beim Großvater väterlicherseits auf dem
Programm, und die konnte ohne ihn, den einzigen Sohn,
nicht gut vonstatten gehen. Andererseits war der Sohn
in dem Zustand, in dem er sich befand, ganz und gar
nicht präsentabel. Heiligabend ohne den Sohn, oder
Heiligabend mit alkoholisiertem Sohn - was war besser?
Es war ein echtes Dilemma.

Dem Großvater - diesbezüglich waren wir uns
einig und wussten auch, dass der Vater im nicht alkoholisierten Zustand nicht anders geurteilt hätte -, durfte eine Beeinträchtigung seiner Weihnachtsfreuden nicht zugemutet werden. Da erübrigte sich jede Diskussion. Dies war sein großer Tag, auf den er sich wochenlang gefreut und den er minutiös vorbereitet hatte. Und dass er ausgerechnet
an diesem großen Tag zu mehr Flexibilität in seiner Zeitplanung als an einem beliebigen Werktag bereit war, diese Hoffnung verbot sich selbst in unseren Träumen. Nein, heute durfte niemand aus der Rolle fallen - eine Herausforderung angesichts des Alkoholisierungsgrades des Vaters und unserer Nervosität!

Der Großvater lebte seit dem Tod der Großmutter
allein, und das nicht ungern. Angebote, zu uns zu
ziehen, hatte er abgelehnt. Den kleinen Haushalt
besorgte er trotz seines hohen Alters mit großem
Geschick und einiger Freude. Dabei kam ihm zugute,
dass er dies nicht wie viele Witwer nach dem Tod
seiner Frau hatte neu erlernen müssen, sondern schon
zu ihren Lebzeiten für einen Großteil des Haushaltes
verantwortlich gewesen war. Sie hatte gekocht, und er
hatte alles Übrige erledigt. Vielleicht war er deshalb
trotz seiner dreiundachtzig Jahre noch so rüstig.
Seine Wohnung war immer vorbildlich aufgeräumt
und wirkte sehr geräumig. Zwei Paar Schuhe, ein Paar
Sandalen und ein Paar Hausschuhe standen in seinem
Schuhschrank, und als meine Mutter ihn einmal dazu
hatte bewegen wollte, eines dieser Paare durch ein
neues zu ersetzen, war seine Antwort gewesen: "Wozu?
Das lohnt sich nicht mehr." Damals war er
zweiundachtzig Jahre alt gewesen.

Hätte er sich bei diesen Worten nicht mit einem
großen, weißen Schnupftuch eine Träne von der Wange
gewischt, hätte man ihn für völlig unsentimental
halten können. Die Tränen saßen ihm in der Tat locker,
und der Verdacht, dass er sie zuweilen auch berechnend
und in Mitleid heischender Absicht einsetzte, war
nicht völlig von der Hand zu weisen, beispielsweise
dann nicht, wenn er auf die Frage, warum er seine
offensichtlich zu schwache Lesebrille nicht gegen eine
stärkere austausche, feuchte Augen bekam und
antwortete: "Der Augenarzt hat gesagt, er könne nichts
mehr für mich tun." Das zu glauben fiel uns schwer,
denn bis auf die geringfügige Altersweitsichtigkeit
hatte er immer noch das Sehvermögen eines wenn auch
betagten Falken.

Luxus und Verschwendung waren für den Großvater Fremdworte,
auch seine Tränen wird er nicht verschwendet haben.
Wer ihn nicht mochte oder nicht verstand, sagte ihm
Geiz nach. Aber geizig war er nicht. Sparsam,
genügsam, bescheiden, rational - das ja, aber niemals
geizig. Wie oft steckte er mir, seinem Enkelkind,
einen Zwanzigmarkschein zu, wenn er sonntags nach dem
Kirchgang bei uns zum Mittagessen war oder wenn ich
ihm unter der Woche ein von der Mutter gekochtes Essen
brachte. Auf seinem Schreibtisch im Wohnzimmer lag ein
Haushaltsbuch, in das er, schon bevor ich gekommen
war, den mir zugeteilten Betrag unter der Rubrik
"Ausgaben" eingetragen hatte. Manchmal zeigte er uns
dieses Buch, in dem sein Alltag, in dem es offenbar
nichts Spontanes, Unüberlegtes gab, äußerst penibel
dokumentiert war. "Seht her, ich habe alles unter
Kontrolle. Mir kann nichts passieren, und ich muss
niemandem zur Last fallen", mag er sich dabei gedacht
haben. Dass das Wesentliche im Leben unkontrollierbar war und den Rahmen seines Haushaltsbüchleins sprengte, leugnete
er dabei jedoch keineswegs. Er tat bescheiden, was er konnte, und vertraute im Übrigen auf Gott und seine Kirche.
An beiden duldete er keinerlei Kritik. Papst Johannes Paul
gehörte zur Familie. Begab er sich in der Winterzeit auf Reisen, sorgte der Großvater sich stets, "ob er auch warme
Leibwäsche trägt" und nicht etwa frieren müsse. "Dafür
werden die polnischen Schwestern, die ihm den Haushalt
führen, schon sorgen", versuchten wir ihn dann zu
beruhigen.

Dass es nicht einfach ist, für einen solch genügsamen
Menschen ein Weihnachtsgeschenk auszusuchen, liegt auf
der Hand, zumal wir uns in diesem Fall auch nicht darauf verlassen durften, dass er ein Geschenk, ganz gleich, ob es ihm nützlich erschiene oder nicht, höflich dankend
entgegennehmen würde. Nein, wenn es ihm nicht gefiele,
würde er uns das unverblümt sagen. Da machten wir uns
gar nichts vor. Im Vorjahr hatten wir Glück gehabt. Da
hatten wir ihm eine handgeschnitzte Weihnachtskrippe
geschenkt. Die war recht gnädig aufgenommen worden und
hatte sogar Verwendung gefunden. Hinter das einmal
Erreichte wollten wir natürlich nicht zurückfallen.

In einer Buchhandlung hatte ich einen Bildband über
den Papst entdeckt. Dazu gehörte ein Poster, das den
Papst abbildete, der gerade eine betende Menge
segnete. Dieses Bild konnte ich mir recht gut über
Großvaters Schreibtisch vorstellen, und ich war
ziemlich sicher, dass es ihm gefallen würde. Da
niemand eine bessere Idee oder Einwände dagegen gehabt
hätte, wurde das Buch gekauft, und die Eltern
besorgten einen passenden Rahmen für das Papstbild.
Diese Geschenke lagen nun hübsch verpackt zusammen mit
einigen Festtagszigarren zum Mitnehmen bereit. Hammer,
Bilderhaken und Nägel hatten wir auch eingepackt, da
es solche Dinge im frugalen Haushalt des Großvaters nicht gab und wir das Bild gern sofort aufhängen wollten.

Wir ließen den Vater etwa drei Stunden schlafen und
weckten ihn dann mit einem starken Kaffee. Er
reagierte sehr ungehalten, sah auch nicht ein, warum
er sich schon erheben sollte, obwohl es "noch ganz
dunkel" sei, wie er brummig bemerkte, ließ sich aber
den Kaffee einflößen. Wie wir es letztlich anstellten,
dass er eine Stunde später in seinem guten
schwarzen Anzug stak, weiß ich nicht mehr, aber wenn
man den Fotos Glauben schenkt, die von jenem
denkwürdigen Ereignis noch existieren, muss es uns
irgendwie gelungen sein. Bis auf den etwas glasigen
Blick sah er ganz passabel aus. Aber - und das war ein
Problem, das wir bisher vollkommen verdrängt hatten -,
er war selbstverständlich nicht dazu in der Lage,
sein Auto selbst zu lenken. Was tun?

Entweder musste Mutter fahren, oder ich. Mutter
weigerte sich strikt. Viel zu groß war ihre Furcht,
ein Zerwürfnis zu provozieren, sollte dem kostbaren
Gefährten etwas zustoßen. Das hätte man ihr nie
verziehen. Ich dagegen hatte keinerlei Bedenken.
Schließlich hatte ich drei Monate zuvor die
Führerscheinprüfung bestanden, und wer den
Führerschein hat, kann fahren. Dachte ich. Dass es
mittlerweile in so dichten Flocken schneite, dass man
die Hand vor Augen kaum noch sehen konnte, fand ich
romantisch und aufregend. Der Vater nahm die
Wetterverhältnisse gar nicht mehr so recht wahr, und
nicht zuletzt deshalb überließ er mir den Schlüssel,
ließ sich willig von uns unterfassen, sich über die
eisglatte Hausstufe helfen und auf den Beifahrersitz
wuchten.

Die Straße war tief verschneit und menschenleer. Meine
Mutter half mir, die Autoscheiben vom Schnee zu
befreien, der immer noch in dichten Flocken fiel.
Stolz ließ ich den Wagen an, betätigte den Blinker und
fuhr los. Im Rückspiegel sah ich die hochroten Wangen
meiner im Fond sitzenden Mutter. Stumm und
kerzengerade saß sie auf ihrem Platz. Neben mir hing
der Vater im Sicherheitsgurt. Hui, das war ein anderes
Fahrgefühl als mit dem alten VW, den ich sonst fahren
durfte. Wie sensibel die Lenkung reagierte! Wie ein
Schiff glitt der Mercedes lautlos über die verschneite
Fahrbahn. Stolz hielt ich das Steuer in den Händen,
beschleunigte vorsichtig auf etwa 35 km/h und näherte
mich der Kreuzung.
"Nicht so schnell!", tönte es vom Beifahrersitz.
"Ach, hätt' ich doch 'nen Underberg!"
Ich wusste, dass im Handschuhfach immer ein Flachmann
lag, "für wenn jemandem mal schlecht wird", wie der
Besitzer des Wagens sich auszudrücken pflegte, aber es
erschien mir nicht ratsam, in jenem Moment darauf
hinzuweisen. Als ich an der nächsten Ampel vorsichtig
bremste, bemerkte ich erst, wie glatt es war. Diese
Tatsache blieb auch der Mutter nicht verborgen. Ich
spürte ihre Nervosität förmlich in meinem Rücken.
Langsam wurde auch mir ein wenig bang. Ich kicherte
beklommen. Nicht nur die winterlichen
Straßenverhältnisse, auch die ungewohnten Ausmaße der
Karosse, die ich lenkte, machten mir zu schaffen. Es
fiel mir schwer, in der Fahrspur zu bleiben. Der Wagen
schien sie völlig auszufüllen. Rechts drohte die
Bordsteinkante, links der entgegenkommende Verkehr.
Auch hätte ich von einem Kissen auf dem Sitz enorm
profitiert. So war ich gezwungen, durch den
Mercedesstern zu blinzeln.

Der Friedhof lag am Waldrand, und je näher wir ihm
kamen, desto unwegsamer wurde das Gelände. Trotzdem
fiel mir das Fahren jetzt leichter, denn rechts und
links von der schmalen Fahrbahn türmte sich der
Schnee. Da ich nicht sehen konnte, was er verbarg,
fühlte ich mich nun vollkommen sicher. Sollte ich vom
Weg abkommen, würde ich wie auf einer Bobbahn in die
Spur zurück gleiten, dachte ich. Endlich lag der
Parkplatz vor uns. Komplizierte Einparkmanöver blieben
mir glücklicherweise erspart, denn wir waren an jenem
Tag die einzigen Friedhofsbesucher, die den Platz
nutzten.

Die frische Luft auf dem Friedhof würde dem Vater gut
tun. Das hofften wir zumindest, und so brachen wir mit
Grabschmuck, Kerzen und Vater am Arm auf. Leider war
der Friedhof nicht so leer wie der Parkplatz.
Zahlreiche Bekannte, die ebenfalls auf dem Weg zu
ihren Gräbern waren, begegneten uns. Wir wünschten
betont munter "Frohe Weihnachten!" und zogen den Vater
weiter, damit er in seiner mittlerweile ziemlich
aufgeräumten Stimmung nicht etwa auf die Idee käme,
ein Gespräch zu beginnen. Rasch schmückten wir die
beiden Familiengräber und machten uns auf den Rückweg.
Inzwischen war es fast dunkel geworden. Der Großvater
würde wohl schon am Fenster stehen und nach uns
Ausschau halten.

"Da seid ihr ja! Frohe Weihnachten!" Hustend folgten
wir ihm ins weihnachtlich geschmückte Wohnzimmer, aus
dem uns schon "Stille Nacht" vom Schallplattenspieler
entgegenschallte. Die Musik, die Wärme, der
Zigarrenqualm, der das Zimmer in dichten Nebel
versetzte, gaben mir nach der aufregenden Fahrt den
Rest. Erschöpft ließ ich mich auf dem Sofa nieder,
schaute mich im Zimmer um und staunte. Der Großvater
hatte sich selbst übertroffen. Auf dem Tisch, auf der
"Abendmahlsdecke", einem alten Familienstück, das wir
so nannten, weil in den weißen Damast kunstvoll die
Abendmahlsszene gewirkt war, stand wie jedes Jahr das
Kunststoffweihnachtsbäumchen mit seinen roten, gelben
und blauen Kügelchen, das vor vielen Jahren den Weg
aus der Auslage des Tabakladens, von dem der
Großvater seinen Zigarrenvorrat bezog, hierher
gefunden hatte. Der Inhaber des Ladens hatte das
altersschwache Bäumchen gerade entsorgen wollen, als
sein treuer Kunde zur Tür herein gekommen war und es
gerettet hatte. Nun ruhte es das Jahr über in einer
Schuhschachtel, um am Heiligen Abend liebevoll
aufgerichtet und in Form gezupft Dienst zu tun. Neben
dem Bäumchen stand die kleine Krippe, unser Geschenk
vom Vorjahr, dazu eine große rote Kerze, ein paar
Strohsterne und - Geschenke. Damit hatten wir nicht
gerechnet. Normalerweise überreichte der Großvater uns
einen Umschlag mit Barem, weil es ihm schwer fiel, für
uns etwas auszuwählen. Dieses Mal aber hatte er, wie
er stolz verkündete, in der Vorweihnachtszeit einen
Versandhauskatalog in seinem Briefkasten gefunden und
daraus unsere Geschenke ausgesucht.
Es war also auch für ihn ein denkwürdiges Fest.

Was möchtet ihr trinken? - Nein, diese Frage blieb
ungefragt, denn welches Getränk diesem feierlichen
Anlass angemessen war, bedurfte für den Großvater gar
keiner Frage: Sekt. Pikkolo. Und da man um die
Schädlichkeit zu kalter Getränke sehr wohl wusste, kam
dieser Pikkolo nicht aus dem Kühlschrank, sondern aus
einem Vorratsschränkchen im Wohnungsflur.
"Na dann, zum Wohl!"

Meine arme Mutter, die zu jener Zeit oft und heftig
von Wechseljahrsbeschwerden geplagt wurde, lockerte
ihr Halstuch. Vaters Äuglein verengten sich zu zwei
Schlitzen. Ich fühlte, wie ich errötete und ein
Lachreiz in meiner Kehle juckte. Meine Mutter reichte
mir ein Taschentuch. Prustend versuchte ich, meine
Fassung zurück zu gewinnen. Ob der Großvater etwas
bemerkte? Das war nicht zu ergründen.

Inzwischen war man zur Bescherung übergegangen. Zuerst
packten wir aus: für mich ein Maiglöckchenparfüm mit
dazu passender Seife, rührend nostalgisch verpackt,
ein Lavendelwasser nebst Seife für die Mutter, dazu
ein geblümtes Halstuch für jede von uns, einen Kasten
Pralinen in Herzform, sowie eine Polyester - Krawatte und
Rasierwasser für den Vater. Der Großvater schaute aufgeregt von einem zum anderen. Wir ließen uns nicht lumpen und
lobten ihn über den grünen Klee. Ich öffnete den Flakon und
besprenkelte mich großzügig mit dem Duftwasser. Mutter
verfärbte sich. "Ob wir ein wenig lüften sollten?", fragte sie.
"Um Gottes Willen! Bei diesem Wetter ein Fenster öffnen?
Da erkältet man sich ja den Leib!" entsetzte sich der Gastgeber.

Nun waren wir an der Reihe.
Schwankend erhob sich der Vater, nahm Haltung an und überreichte unser Geschenk. "Fröhliche Weihnachn, Vater"

"Das ist für mich? Ach, das ist doch viel zu gut für
mich! Und das prachtvolle Bild!"
Opa zückte das große, weiße Taschentuch. Und nun kam
der große Moment, den meine Mutter und ich bang
erwartet hatten: Der Vater schritt zur Tat. Er versuchte, das Konterfei des Papstes über dem Schreibtisch des Großvaters aufzuhängen. Schwer atmend zog er die Schuhe aus und kletterte von Mutter gestützt zunächst auf den
Schreibtischstuhl und von dort auf den Schreibtisch.
Was sich so einfach anhört, war eine langwierige
Prozedur, denn der Vater war schon in nüchternem
Zustand nicht besonders sportlich. Meine Mutter
assistierte bei der nun folgenden, schwierigen
Operation. Sie reichte ihm das schwere Bild und einen
Bleistift.
"Rechts ein Stück höher!"
"Nein, jetzt ist es zu hoch!"
"Ja, so ist es gut!"
"Nein, jetzt ist es wieder schief!"

So ging es eine Weile hin und her. Großvater lief aufgeregt
durchs Zimmer und machte sich am Gabentisch zu schaffen,
zupfte an der Tischdecke, faltete das Geschenkpapier,
räumte hier und da auf. Er hatte es schon nicht gern,
wenn in seiner Wohnung auch nur ein Stuhl verrückt
wurde. Wie sollte er da angesichts dieser Prozedur die
Fassung bewahren? Wie sollte er ruhig zusehen, wenn
auf seinem Schreibtisch das Chaos ausbrach? Es mag ihm
auch langsam gedämmert haben, dass der liebe Sohn
gewisse Probleme mit der Balance hatte.
"Ist das Bild nicht viel zu schön für mich?",
ließ er sich plötzlich vernehmen.
"Das passt doch viel besser in euer schönes
Esszimmer."

Oh je. Wenn der Vater nun nicht endlich zur Sache kam,
konnten wir unser Geschenk gleich wieder einpacken, aber wir
waren klug genug, ihn nicht anzutreiben. Nachdem er
sich schwer atmend den Schweiß von der Stirn gewischt
hatte, schaffte er es in einer letzten
Kraftanstrengung, die beiden Haken, die das Bild
halten sollten, auf gleicher Höhe an der Wand
anzubringen, ohne sich mit dem Hammer allzu oft auf
die Finger zu klopfen.

Es kostete uns alle noch einige Mühe und Kraft, bis
der Vater wieder festen Boden unter den Füßen hatte,
aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Der Papst
im bordeauxroten Festornat schaute gnädig auf uns
herab und verlieh der schlichten Wohnstube einen beinah
noblen Touch.

Zurück lenkte der Vater, dessen Lebensgeister nach der
ungewohnten Kletterpartie wunderbarerweise
zurückgekehrt waren, wieder das Auto. Zum Schein
protestierte ich heftig, war ihm aber im Grunde meines
Herzens dankbar, denn es hatte inzwischen
ununterbrochen weiter geschneit. Auch hatte mir der
warme Sekt sehr zugesetzt. Zu Hause angekommen
schaffte es der Vater samt seiner Lebensgeister
gerade noch bis zur Wohnzimmercouch, wo er
friedlich schlief, während wir bei Kerzenschein
Gebäck knabberten und an einem gut gekühlten Sekt nippten.

Als wir von der Christmette zurückkehrten,
erwachte er wieder. "Mich dürstet", waren seine
ersten Worte, noch bevor er die Augen
aufgeschlagen hatte. An die Ereignisse des Nachmittags konnte er sich nur noch schwach erinnern. Er lachte herzlich, als wir ihm davon erzählten. Seinen Wagen oder
einen der nicht minder gehätschelten Nachfolger habe
ich nie wieder gefahren. Auf dem Beifahrersitz neben
ihm saß ich zuletzt vor fast zwei Jahren, mehr als
zwanzig Jahre nach jenem denkwürdigen Fest. Wieder
nahte ein Weihnachtsfest, aber vorher fuhren wir noch
zur Klinik, wo er sich einer Untersuchung unterziehen
sollte. Beim Einparken widerfuhr ihm ein Missgeschick.
Er streifte einen Laternenmasten, ohne auch nur mit
der Wimper zu zucken. Da wusste ich, dass wir das
Ergebnis der Untersuchung gar nicht mehr abzuwarten
brauchten.

Enibas Offline




Beiträge: 4.113

02.12.2006 11:07
#2 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Hallo Karin,

bildlich erzählt, jede Szene stand deutlich vor Augen.
Der Vater hat mich sehr an meinen eigenen erinnert...

Das Ende ist überraschend und bleibt offen, das gefällt mir gut. Gekürzt werden, sollte auf jeden Fall. Einige Details sind mir spontan aufgefallen, ich denke, da dürfte der Rotstift auch nicht allzu weh tun.
Ich mache mir gerne Gedanken darüber und melde mich später.

KarinY ( gelöscht )
Beiträge:

02.12.2006 11:14
#3 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Danke für deine Zeit und deine Gedanken, Sabine!
Das wäre gut, wenn du mir Tipps geben könntest, wo ich kürzen kann.
Bis bald,

Karin

Enibas Offline




Beiträge: 4.113

02.12.2006 11:41
#4 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Du sagst, Du möchtest die Geschichte Deiner Familie schenken. Möchtest Du sie auch einmal veröffentlichen? Wegen der Kürzungen sind das zwei verschiedene Gesichtspunkte.
Die beschriebenen Gewohnheiten Deines Vaters,z.B., gehören in das "Geschenk" selbstverständlich hinein. Soll, so denke ich, an Deinen Vater erinnern, richtig?
In einer KG können diese Details entfallen.

Ich frage nur, um die richtigen Vorschläge zwecks Kürzungen zu machen.

KarinY ( gelöscht )
Beiträge:

02.12.2006 11:47
#5 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Beides. Ich möchte sie veröffentlichen und meiner Mutter zu Weihnachten
schenken, denn es ist unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest nach dem Tod meines Vaters. Ob ich sie ihr ungekürzt schenke und eine gekürzte Fassung für die Veröffentlichung herstelle? Was meinst du?

Enibas Offline




Beiträge: 4.113

02.12.2006 12:47
#6 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Für Deine Mutter kannst Du die Geschichte, wie sie jetzt ist, unbedenklich so stehen lassen! Da würde ich rein gar nichts weglassen.
Das ist ein einmaliges Geschenk, weil es viele Erinnerungen weckt, bzw. besondere Situationen festgehalten hat.
Dabeisein, wenn sie die Geschichte liest, möchte ich ehrlich gesagt nicht... Ich könnte, bei dem blossen Gedanken daran, anfangen zu weinen. Ich hoffe, Deine Mutter hat den Verlust bisher einigermaßen verarbeiten können - ich kenne es.

OK, dann werde ich, oder die Anderen, Vorschläge für eine öffentliche KG machen.

LG

HolySmokes Offline




Beiträge: 7.720

02.12.2006 13:28
#7 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Liebe Karin,
Deine Geschichte habe ich gelesen. Ich stehe ebenfalls vor dem ersten Weihnachten ohne meinen Vater, deswegen geht sie mir zu nahe, als dass ich sie wirklich objektiv kommentieren oder bearbeiten könnte. Gefühlvoll sind Deine Zeilen und spiegeln diese Erinnerung schön und klar wieder.
Ich würde vielleicht in der Version für Deine Mutter das Ende weglassen, damit die Erinnerung an dieses Fest als solche stehen bleibt. Ansonsten stimme ich Enibas zu: Es muss und sollte nichts mehr gekürzt werden.

Für die Veröffentlichung verhält sich das umgekehrt. Das Ende gehört unbedingt hinein, während im Text hier und da gekürzt und gestrafft werden könnte.

Hilfreicher kann ich leider nicht sein, aber ich hoffe, dass sich noch viele unterstützende Worte finden.

Alles Liebe von mir für Dich

juliamax Offline




Beiträge: 4.216

02.12.2006 13:42
#8 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

EIne wirklich stimmungsvolle, komisch - dramatische Geschichte, die Du uns erzählst.

Wenn Du sie wirklich Deiner Mutter schenkst, ändere bloß nichts daran. Aber im Grunde ,geht es mir da wie unserem Bienchen - ich möchte auch nicht dabeisein - schon allein die Vorstellung, rührt mich ebenfalls zu Tränen.

Als "kommerzielle" KG müßte wirklich gestrafft werden, über das wie und wo, denke ich nach, wenn ich etwas mehr Zeit habe.

Bis dahin sei ganz lieb gegrüßt.

KarinY ( gelöscht )
Beiträge:

02.12.2006 13:51
#9 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Vielen Dank euch beiden! Dass die Geschichte bei euch so viel aufwühlt, tut mir sehr leid. Andererseits - wenn sie euch kalt ließe, wäre sie eindeutig misslungen.

Ich denke schon, dass meine Mutter den Tod meines Vaters mittlerweile überwunden hat. Eigentlich bin ich sehr sicher. Das heißt nicht, dass sie und auch wir nicht noch sehr viel an ihn denken, aber es ist erträglich geworden. Es ist ja auch für sie schon das zweite Fest ohne ihn. Letztes Jahr waren wir nicht in Deutschland, aber dieses Jahr treffen wir uns wieder alle dort.

Letztes Jahr noch wäre ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen, diese Erinnerungen aufzuschreiben, geschweige denn, sie meiner Mutter zu geben. Nein, es wird gut gehen. Da bin ich sicher. Aber dein Tipp, Christine, das Ende abzuschneiden, ist sehr gut. Das werde ich tun. Innerhalb der Familie wissen wir ja sowieso, dass er nicht mehr lebt. Das muss ja in dem Kreis nicht ausgesprochen werden.

Bezüglich der "öffentlichen" Fassung bin ich weniger sicher. Ja, es muss gekürzt werden, sonst ist es ermüdend für den Leser. Nur lebt ja die Geschichte von den Eigenschaften und Gegensätzlichkeiten der Charaktere Vater und Sohn. Ich meine, stellt euch vor, so etwas passierte in eurer Familie. Da würde man doch zum Telefon greifen und sagen: "Tut uns leid, aber xy ist unpässlich. Außerdem haben wir einen mittleren Schneesturm usw. Lasst uns bitte die Bescherung auf morgen verschieben." Aber so etwas war in der gegebenen Situation und der gegebenen Besetzung eben völlig undenkbar. Darauf kamen wir gar nicht. Deshalb fällt mir das Kürzen so schwer, und deshalb habe ich mich an euch gewandt. Ihr könnt besser als ich beurteilen, was der Leser an Infos braucht und was entbehrlich ist.

mande ( gelöscht )
Beiträge:

02.12.2006 14:11
#10 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Hallo Karin,
eine Geschichte mit viel Einzelheiten und auch ´Kleinigkeiten´, welche aber das Ganze erst die Würze geben. Eine Geschichte, die, wenn man sie liest, auch sich immer vor Augen hat.
Was die Kürzungen anbetrifft. Ja, da tue ich es schwer. Mir als Leser gefällt die Gechichte als ganzes, so das ich, läge es an mir sie zu kürzen, ich in die Situation wäre, wie ein Stück von ein Gmälde wegzuschneiden.
Eines sollte auf jeden Fall darinnen bleiben; der Schluss! damit entlässt du den Leser in seine eigen Fantasie. Und dis ist immer schön.
Mit freundlichen Grüsen,
Mande

Patricia Koelle Offline




Beiträge: 4.239

02.12.2006 14:16
#11 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Mir gefällt die Geschichte auch sehr sehr gut. Ich habe mich beim Lesen an keiner Stelle gelangweilt. Der Stil ist gut - die Zuneigung zu Deinem Vater und Großvater kommt so spürbar herüber, aber auch das Komische, die klare und liebevolle Sicht ihrer Schwächen. Hervorrragend.
Dem was Christine geschrieben hat stimme ich voll zu.

Und ganz bestimmt hat die geschichte sehr gute Chancen, veröffentlicht zu werden!



Liebe Grüße, Patricia

[ Editiert von Patricia Koelle am 02.12.06 14:17 ]

Enibas Offline




Beiträge: 4.113

02.12.2006 20:11
#12 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Hallo Karin,
bei Euch ist jetzt Nacht, oder schon Morgen? Oh weih, mit der anderen Hälfte der Erdkugel komunizieren zu können...
Egal, lies es wann Du magst. Hier meine ersten Vorschläge, quasi für die kommerzielle Variante (ohne Garantie, denn es ist Deine KG):

"Gleich können wir essen. Deckst du schnell den
Tisch?"
"Wo ist denn Paps?"
"Der wird jeden Moment hier sein. Er wollte nur vor
den Feiertagen (nur) noch einmal tanken und durch die Waschanlage fahren."

Darauf hätte ich natürlich (eigentlich?) auch selbst kommen können.
Niemals hätte für meinen Vater Weihnachten beginnen
können, solange nicht das Ross gestriegelt und wohl
versorgt im Stall stünde. Niemals hätte er nach einer
langen Fahrt auch nur eine schnelle Mahlzeit zu sich
nehmen können, solange noch, je nach Jahreszeit,Streusalz oder Insektenleichen an Metalliclack,
Scheiben oder Felgen klebten. Nie habe ich jemanden
lauter und unflätiger fluchen hören als meinen Vater,
wenn er bei seiner Rückkehr entdecken musste, dass ein Vogel die Dreistigkeit besessen hatte, sich über
seinem Autodach zu erleichtern. (Hier tritt das allgemeine - auch meins -Problem auf, das schreibtechnisch so angenehmene Wörtchen "hätte"... Wiederholungen die "stören" könnten. Fällt es Dir auf? Eine heilbare Krankheit ist es, die "Hättekrankheit". Nichts schlimmes, der komplette Satz müsste lediglich verändert werden.)

Zu Hause angekommen pflegte er sofort einen Eimer mit warmem Wasser zu füllen, Shampoo hinein zu geben - ich bin mir sicher,
dass es spezielles Autoshampoo war, etwas anderes wäre
ihm nie an den Lack gekommen -, und mit einem großen
Schwamm dem treuen Kumpel zumindest "Erste Hilfe" zu
leisten, bevor er sich selbst niedersetzte und für
sein eigenes Wohl sorgen ließ. Die Batterie an
Pflegemitteln, die für das Auto in der Garage auf
einem eigens dafür gezimmerten Regal bereit standen,
war weitaus umfangreicher als die der Pflegemittel im
Badezimmer, die er sich selbst gönnte.

Wie in jedem Jahr hatten (verbrachten) meine Mutter und ich auch in diesem Jahr den Vormittag des 24. Dezembers damit
verbracht, das Haus weihnachtsfein zu machen (herzurichten). Ein wenig erschöpft, aber zufrieden saßen wir am Küchentisch, voller Vorfreude auf die kommenden Tage.
Der Eintopf dampfte auf dem Herd, der Tisch war gedeckt, nur der Vater fehlte. noch.
"Wie spät ist es?"
"Zwölf Uhr. Ein paar Minuten warten wir noch. Er muss
ja wirklich gleich hier sein", meinte meine Mutter.

Ich ging zur Haustür und schaute hinaus. Morgens hatten wir noch Schneeregen gehabt, aber inzwischen war es deutlich kühler geworden,und es schneite heftig. Wie schön! Weiße Weihnacht! Auf den von den Anwohnern morgens mit Salz bestreuten Gehwegen schmolz
der Schnee noch(schnell) dahin, aber die Straße, eine (unsere) Seitenstraße, durch die niemals ein städtischer Streuwagen fuhr, war schon ganz weiß. In den letzten
Minuten schien sie kein Auto passiert zu haben, denn man sah keine Reifenspur. Ich lauschte in die Stille, aber (nichts) es unterbrach sie. wirklich nichts. (Hier, an dieser Stelle, müsste etwas Poetisches her, dafür ist Patricia die absolute Fachfrau… Mir fällt gerade nichts ein.)
Inzwischen war es halb eins geworden, und wir wurden langsam hungrig und ärgerlich. Das konnte doch unmöglich so lange dauern an der Tankstelle! Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass vor den
Feiertagen dort meistens Hochbetrieb herrschte, war
eine solch lange Wartezeit durch nichts mehr zu erklären. Wir beschlossen, mit dem Essen zu beginnen.
Sollte der Vater doch später allein essen, wenn er uns
hier so schmählich sitzen ließ! Aber er würde ja
gleich kommen, und dann könnte man den Topf schnell
noch einmal aufs Gas stellen.
Ganz heiß aß er ohnehin
nicht gern, das wussten wir ja. (durch jahrelange Erfahrung?)"Nicht so viiiel!",
waren stets seine ersten Worte, wenn meine Mutter mit
seinem Teller aus der Küche kam. "Heiß!" entfuhr es
ihm, wenn er die erste übervolle Gabel von dem Teller,
der noch kaum das Tischtuch berührt hatte, zum Munde
führte. Dann pflegte er mit der Post, die er bereits
in der anderen Hand hielt, empört über dem Teller zu
wedeln.


Um viertel vor eins saßen wir vor unseren inzwischen geleerten Tellern. Noch immer war der Vater nicht aufgetaucht. Seit halb eins hatten alle Geschäfte und auch die Tankstelle unserer kleinen Stadt geschlossen. Von der Tankstelle bis nach Hause fuhr man nicht
länger als drei Minuten. Wo konnte er nur sein? Ob wir nachschauen sollten? Nein, diesen Gedanken verwarfen wir sehr schnell wieder.Das wäre uns doch zu lächerlich vorgekommen. Wir versicherten uns
gegenseitig, dass wir, falls ihm wirklich etwas zugestoßen sein sollte, längst benachrichtigt worden wären. Man kannte ihn doch überall im Ort. (Jeder im Ort kannte meinen Vater?)Trotzdem waren wir allmählich ziemlich besorgt. (Unsere Unruhe steigerte sich?)
Spannung aufbauen, hier wäre die Gelegenheit.Der Leser soll schließlich am Ball bleiben.

KarinY ( gelöscht )
Beiträge:

03.12.2006 07:04
#13 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Habt herzlichen Dank für eure Stellungnahmen und Ratschläge!
Besonders dir, Sabine, für die konkreten Vorschläge. Nun sehe ich, in welche Richtung die Bearbeitung gehen kann. Natürlich bin ich dankbar für jeden diesbezüglichen Rat, der vielleicht noch kommt.

Der Text geht nun so, wie er ist, aber ohne das Ende, als Weihnachtsgeschenk an meine Mutter. Ursprünglich ging ich mit dem kühnen Gedanken um, ihn ihr und der Familie unter dem Weihnachtsbaum vorzulesen, aber eure Reaktionen haben mir gezeigt, dass das eine Überforderung wäre. Ich werde die Geschichte stattdessen auf schönem Briefpapier ausdrucken und sie weihnachtlich verpacken, damit sie sie in einer stillen Stunde selbst lesen kann.

Die "kommerzielle" Fassung nehme ich im Laufe der nächsten Tage auch in Angriff. Damit kann ich mir ja ein wenig Zeit lassen, denn sie zu Weihnachten 2006 noch einzureichen, ist ohnehin nicht mehr möglich. Aber im ersten Quartal 2007 sollte das zu schaffen sein. Es tut der Geschichte sicher gut, wenn ich sie vor der weiteren Behandlung ein wenig ablagern lasse, um Distanz zu gewinnen. Dann sehe ich vielleicht vieles auch schon selbst.

Bisher habe ich erst drei Geschichten richtig "fertig" geschrieben. Es zieht sich immer über Monate, wenn ich etwas beginne. Dieser Text war eine Ausnahme. Er entstand in "nur" einer Woche... Na ja, so langsam scheine ich aus den Startlöchern zu kommen. Das macht mich sehr froh.


So, nun werde ich mich in den anderen Rubriken ein bisschen umschauen.

Seid alle ganz herzlich gegrüßt!

Karin

[ Editiert von KarinY am 03.12.06 7:05 ]

Aramesh Offline




Beiträge: 7.480

04.12.2006 08:20
#14 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Liebe Karin,

ein schönes und kostbares Weihnachtsgeschenk ist diese Geschichte für Deine Mutter! Ich finde sie lesenswert und bin der Meinung, Du solltest sie nicht kürzen. Besonders der Schluss gibt ihr die besondere Note. Geschichten, die das Leben schreibt, verinnerlicht man stärker.

Liebe Grüße

Enibas Offline




Beiträge: 4.113

04.12.2006 22:31
#15 RE: Versuch einer Weihnachtsgeschichte antworten

Gegen zwei Uhr hörten wir Geräusche an der Haustür.
Jemand stocherte mit dem Schlüssel ums Schlüsselloch
herum. Ich lief zur Tür und öffnete sie. "Frohe ...
hicks ... Weih -hei - nach -ten!" Der Vater stolperte
mir entgegen.
"Ja, frohe Weihnachten" ... Ein Weihnachtslied summend tappte er, sich an der Wand des Flures abstützend, an mir und meiner sprachlosen
Mutter, die mir inzwischen gefolgt war(Ich finde dieser eingeschobene Satz stört. Lasse Deine Mutter doch direkt mit zur Türe gehen), vorbei, stakste schnurstracks auf die Wohnzimmercouch zu und ließ sich mit einem tiefen Seufzer darauf nieder.
Eine Minute später hörten wie nur noch sein lautes Schnarchen.

Ich ging vors Haus und schaute nach dem Wagen. Wie
"ein Schluck Wasser in der Kurve" stand er dort in der
Einfahrt. So rügte sein Besitzer gern ungeschicktes
Einparken. Als achtzehnjährige Fahranfängerin mit erst
drei Monaten Fahrpraxis
war ich schon einige Male in
den Genuss dieses Kompliments für meine diesbezüglichen Glanzleistungen gekommen. Apropos Glanz: Eine Christbaumkugel war nichts gegen dieses Auto, das frisch poliert (Hmm, bisher war nur vom Autowaschen die Rede. Polieren, würde die Zeitspanne erklären, aber dann müsstest Du alles umschmeissen.)unter dem Schein der
Straßenlaterne vor mir stand. Die Schneeflocken, die
auf die noch warme Motorhaube fielen, perlten sogleich
von ihr ab und vereinigten sich zu kleinen Rinnsalen,
die an den Kotflügeln und der Stoßstange hinunterflossen.
Ich überlegte, ob ich den Wagen in die Garage fahren sollte, fürchtete aber eine väterliches Brauenrunzeln oder Schlimmeres(Rüge?), und beschloss, lediglich den Schlüssel, der noch im
Zündschloss steckte, abzuziehen und die Tür zuzuschließen.

Tja, dDas war eine schöne Bescherung! Was passiert war,konnten wir uns denken und wurde uns auch Stunden später bestätigt. In der Tankstelle hatten sich einige Nachbarn, die ebenfalls "nur schnell tanken wollten",
zusammengefunden und spontan, da man ja so jung nicht mehr zusammenkam, des verflossenen Jahres gedacht und dabei nicht nur dem Geist der Weihnacht, sondern auch dem Weingeist gehuldigt, der dort in praktischen kleinen Portionsfläschchen vom Tankstellenpächter feilgeboten wurde. Der Vater, kein Kind von Traurigkeit und ein Freund spontaner Entschlüsse, hatte am längsten ausgeharrt. Aber nun waren Wagen und Vater wieder zu Hause.
Der Wagen schien unversehrt, und auch der Vater würde sich wohl wieder aufrappeln, wenn man ihn ein wenig schlafen ließ.

Das Problem war nur, dass ihm zu seiner Rekonvaleszenz nicht unendlich viel Zeit zur Verfügung stand. Wir
hatten nämlich noch ein recht straffes
Festtagsprogramm zu bewältigen, bevor wir uns unter dem Christbaum niederlassen konnten. Nicht nur mussten den Ahnen auf dem Friedhof die Lichter angezündet werden, was notfalls auch wir beiden Frauen allein hätten erledigen können, sondern es stand die
Bescherung beim Großvater väterlicherseits auf dem Programm, und die konnte ohne ihn, den einzigen Sohn, nicht gut vonstatten gehen.(Der Satz klingt holperig.) Andererseits war der Sohn in dem Zustand, in dem er sich befand, ganz und gar nicht präsentabel. Heiligabend ohne den Sohn, oder
Heiligabend mit alkoholisiertem Sohn - was war besser? (4x Sohn... aus den Sätzen kannst Du mit Sicherheit mehr machen)
Es war ein echtes Dilemma.

Karin, nicht vergessen, sind nur Vorschläge. Die Geschichte ist so lang, dass es einige Zeit benötigt um Details herauszufischen. Ich habe mich nur mit den Sätzen befasst, die nicht von Nöten sind ("kommerziell"),und mich auf die Füllwörter konzentriert.
Hat ja noch etwas Zeit.

Mir macht es übrigens Spass daran zu arbeiten, weil ich selber die Möglichkeit habe dabei zu lernen!

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