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Dieses Thema hat 8 Antworten
und wurde 1.588 mal aufgerufen
 Die geduldige Urne
Gemini Offline




Beiträge: 11.570

29.05.2006 18:27
RE: muss ich Euch vorstellen antworten

Wir erarbeiten uns gerade diese Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert:

Nachts schlafen die Ratten doch

abgesehen davon, dass sie ziemlich intensiv erarbeitet werden muss, um sie im Rhythmus der Leminskate schwingen zu lassen... dann aber sehr intensiv wirkt...
es ist eine Meistererzählung, die ich Euch nicht vorenthalten wollte

Enibas Offline




Beiträge: 4.113

30.05.2006 12:35
#2 RE: muss ich Euch vorstellen antworten

Das ist sie wirklich, Zwilli!

Verrätst Du mir was Leminskate ist?

Gemini Offline




Beiträge: 11.570

31.05.2006 15:11
#3 RE: muss ich Euch vorstellen antworten

Zitat
Verrätst Du mir was Leminskate ist?


Aber gerne doch

Die Lemniskate ist als esoterisches Zeichen das Symbol für die Unendlichkeit, eine liegende acht. Technisch heißt sie Nexusband - ach, wie passend, fällt mir jetzt ein...
Die genaue Definition(jedenfalls für einen Tarotler) geht:
Unendlichkeitsschleife in Form einer liegenden Acht. Symbol ewiger Verbundenheit und des steten Austauschs zwischen zwei Welten oder Bereichen. Im Rider-Tarot auf der Karte des Magiers als Zeichen der Verbundenheit von Oben und Unten, von Bewusstem und Unbewussten, auf der Karte Kraft als Symbol der steten und harmonischen Verbindung des zivilisierten Menschens mit seiner animalischen Natur. Diese Lemniskaten sind übrigens keine Hinzufügungen von A.E.Waite sondern in den älteren Illustrationen des Tarots von Marseille jeweils in den Hüten verborgen. Sowohl im Rider-Tarot wie auch in den Crowleykarten ist die Lemniskate bei den Zwei Münzen/Scheiben">Zwei Münzen/Scheiben zu sehen und zeigt dort das stete Wechselspiel zwischen den Urpolaritäten Yin und Yang, sowie das Phänomen, dass das Eine auf ewig mit dem Anderen verbunden ist.


hier, die Tarotkarte der Magier zeigt eine Lemniskate über der Gestalt des Magiers



Aber das sagt Dir jetzt nicht so richtig was, wenn es um das Erzählen geht, nicht wahr?

Zwilli Offline




Beiträge: 1.389

31.05.2006 16:12
#4 RE: muss ich Euch vorstellen antworten

Also, wer diesen Sprechrhythmus wiederentdeckt und dann gelehrt hat, habe ich schon wieder vergessen. meine "Meisterin" ist Barbara Höllfritsch...
Jedenfalls war es eine frau, Schauspielerin von Beruf, die dann einen Politiker (Oberbürgermeister von Hamburg ???) heiratete und deshalb nicht mehr auf der Bühne im Beruf arbeitete. Sie unterrichtete dann ...

Ganz früher wurden Mythen und Märchen ja mündlich erzählt.
In der heutigen Zeit,werden Buchmärchen vorgelesen, aber das mündliche Erzählen ist eine wiederentdeckte Kunst.
Mythen oder Märchen, die wir in Büchern finden, müssen zuerst in eine Erzählsprache "übersetzt" und aufgeschrieben werden.Man kennzeichnet dabei die Erzählpausen durch senkrechte Striche und markiert die Wörter, die betont werden sollen. Dabei ist darauf zu achten, dass nur eine Betonung je Lemniskatenhalbschwung gesetzt wird. Bei der Betonung gibt es eine Reihenfolge, erst werden die Personen oder Gegenstände, die das erstemal ins Bild kommen, betont. z.B. : Es war einmal ein Müller- da wird der Müller betont, so, dass der Zuhörer einen stattlichen Mann vor sich sieht...
Die Atmung beim Sprechen wird durch diese Art der Textbearbeitung nie knapp, der Zuhörer ins Bild gezogen, ohne Überfrachtungen.
Solche Meistererzählungen wie "Nachts schlafen die Ratten doch" werden natürlich nicht abgeändert, sie werden dann nicht frei erzählt, sondern gelesen .

Fange ich mal mit einem Beispiel an, gleich den ersten Sätzen aus der Erzählung:

- Die haben es ja schon gleich in sich. Lies das mal laut und schön:


Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne. Staubgewölke flimmerte zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttwüste döste.

Jetzt werde ich meine Lemniskatenhalbschwünge setzen, in der Mitte der Strich ist dann immer der Friedenspunkt. Das fettgedruckte Wort trägt Betonung.

Das hohle Fenster/ in der vereinsamten Mauer/ gähnte /blaurot voll früher Abendsonne./
Staubgewölke flimmerte/ zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttwüste/ döste.

Zwilli Offline




Beiträge: 1.389

31.05.2006 18:55
#5 RE: muss ich Euch vorstellen antworten

ach so, was ich vergaß zu erwähnen, bei der mündlichen Rede dann gibt es den gebrochenen Rhythmus. Für befehlende oder sicher im Leben Stehende den nach unten gebrochenen Sprachrhythmus, für Ängstliche, Fragende den nach oben gebrochenen Rhythmus und für magische Wesen den gezogenen Rhythmus (der fällt mir am schwersten, da heißt es, üben, üben...)

Enibas Offline




Beiträge: 4.113

31.05.2006 19:19
#6 RE: muss ich Euch vorstellen antworten

Vielen Dank Zwilli,

find ich total interessant!
Ist mit Sicherheit auch sehr hilfreich für Karl, da er demnächst eine öffentliche Lesung anstehen hat.

Mir hätte dieses Wissen der Vorgehensweise im letzten Jahr sehr helfen können, aber damals kannten wir uns ja leider noch nicht. Durch eine Bekannte kam ich dazu, in einem Lokalradiosender zwei meiner Geschichten vorlesen zu dürfen.
Ich hatte zum Einen keine Ahnung wie man`s richtig macht, zum Zweiten keine Vorbereitungszeit, weil urplötzlich ein Termin frei geworden war.

Nicht nur, dass ich fast gestorben wäre vor Nervosität, ich bin regelrecht durch die Sendung galoppiert, habe kaum geatmet, viel zu schnell gelesen. Der Reporter musste mich andauernd bremsen und mich zum Luft holen auffordern.

Zur `Belohnung` bekam ich eine CD mit meinem mitgeschnittenen `Wirr-Warr` geschenkt.
Boah, ich kann sie nicht anhören ohne den Kopf über mich zu schütteln.

Zwilli Offline




Beiträge: 1.389

31.05.2006 19:34
#7 RE: muss ich Euch vorstellen antworten

Ja, gute Vorbereitung ist alles !
Selbst meine große Meisterin, die doch schon sooo einen Namen hat und sooo viele Lesungen, lässt sich nicht ohne Vorbereitung auf eine Lesung ein, da sagt sie eher ab. Ihr Qualitätsanspruch halt... Zeit zum sich kurz einlesen MUSS sein

Ich habe mit meinen Elchen und Trollen auch eine Weile gearbeitet, bis das vortragsreif war, das geschrieben zu haben reicht nicht, es auch vortragen zu können

aber was ich hier geschrieben habe, ist halt nur eine klitzekleine Einführung, schön, wenn es Dir was sagt.

Karl K ( gelöscht )
Beiträge:

31.05.2006 21:26
#8 RE: muss ich Euch vorstellen antworten

Mich interessieren Informationen, Hinweise, Erfahrungen über das Erzählen. Wann immer ich davon Häppchen auffinde, nehme ich sie gern zu mir. Als ich dieses Thema las, erinnerte ich mich wieder, kürzlich ein Buch aus dem Jahr 1982 ergattert zu haben, das die Kreisbücherei aus ihrem Bestand ausschied: Erzählen - Die Wiederentdeckung einer vergessenen Kunst - Geschichten und Anregungen: ein Handbuch von Johannes Merkel und Michael Nagel. Nach erstem Querlesen legte ich das Buch wieder zur Seite. Doch die Geschichten darin sind wunderbar.
Jetzt bin ich hier im Schreiben so oft unterbrochen worden, dass ich vergessen habe, was ich sagen wollte. Vielleicht fällt es mir später wieder ein.

HolySmokes Offline




Beiträge: 7.720

04.06.2006 14:58
#9 RE: muss ich Euch vorstellen antworten

Das klingt mir aber wirklich alles sehr interessant! Die Erzaehlung muss leider noch warten, dafuer habe ich gerade leider nicht die Zeit und die Ruhe. Und mit der Vorlesekunst... tja ja, man denkt immer, hinsetzen, vorlesen, gut ist! Von wegen...

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