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Dieses Thema hat 7 Antworten
und wurde 622 mal aufgerufen
 Fremde Länder und Kulturen
KarinY ( gelöscht )
Beiträge:

15.01.2007 15:42
RE: Neujahr antworten

Jahresende und Jahresbeginn in Japan

In der Silvesternacht überträgt das Deutsche Fernsehen oft Impressionen von den Feierlichkeiten zum Jahreswechsel in anderen Ländern. Wir sehen Feuerwerke und Straßenpartys in New York, Rio, Hongkong, Sydney – nur ein Silvesterfeuerwerk in Tokyo ist niemals dabei. Warum nicht?

In Japan verabschiedet sich das alte Jahr still und leise. Es ist ein sehr besinnlicher Anlass. Traditionell feiert man keine Party, trinkt und tanzt nicht, sondern verbringt den Abend zu Hause. Die letzten Tage des Jahres werden oft zum Putzen und Aufräumen genutzt. Emsige Hausfrauen schleppen unzählige Mülltüten zu den Müllsammelstellen ihrer Siedlungen. Autos werden gewaschen und allfällige Rechnungen bezahlt, denn niemand möchte mit Schulden oder sonstigen Altlasten ins Neue Jahr gehen.

Am Silvesterabend isst man traditionell Soba: Nudeln aus Buchweizenmehl. Sie sollen dem, der sie isst, ein langes Leben bescheren.

Um Mitternacht ertönen die Tempelglocken. 108 Mal werden sie geschlagen. Der Begriff „Glocke“ ist allerdings, obwohl allgemein gebräuchlich, irreführend, denn es ist ein tiefer Gong, den man hört. Viele Leute versammeln sich zu diesem Ereignis bei ihrem Tempel. Dort gibt es meist ein großes Feuer, an dem man sich wärmen kann, und warmen Reiswein zu trinken. Wer möchte, kann sich anstellen und im Anschluss an die „offiziellen“ Gongs auch die Glocke schlagen

Der Gruß zum Neuen Jahr lautet „Akemashite omedetou gozaimasu.“

An den Neujahrsfeiertagen, die vom ersten bis zum vierten Januar dauern, besucht man traditionell ebenfalls einen buddhistischen Tempel oder einen shintoistischen Schrein. Der größte und wichtigste Schrein ist der Meiji – Schrein in Tokyo.

Zu essen gibt es neben den schon erwähnten Mochi und der Neujahrssuppe, die regional sehr verschieden zubereitet wird, zahlreiche traditionelle Speisen – hauptsächlich Gemüse (Karotten, Schwarzwurzel, Süßkartoffel, Yamswurzel etc.), Meerespflanzen und – tiere -, die in einer zwei- oder dreistöckigen Lackschachtel serviert werden. Jede Speise hat eine symbolische Bedeutung, und der Genuss soll sicherstellen, dass man im Neuen Jahr glücklich, gesund, erfolgreich, fruchtbar usw. ist. Ursprünglich aß man drei Tage lang von diesen Speisen, die die Hausfrau zuvor in vermutlich tagelanger Arbeit vorbereitet hatte. Die Idee war, dass man an den Feiertagen Ruhe hatte und nichts mehr zu kochen brauchte. Heute hält das aber fast niemand mehr so. Spätestens am zweiten Tag lässt der Enthusiasmus und der Appetit auf die Neujahrsspeisen deutlich nach, und es wird auch wieder etwas Anderes gekocht. Viele Hausfrauen machen sich auch nicht mehr die Mühe, alles selbst zu kochen, sondern kaufen sehr kunstvoll zubereitete Neujahrsmenus im Kaufhaus oder Supermarkt ein. Dabei werden kaum Kosten gescheut. Ein solches Menu aus einem guten Kaufhaus kann für eine vierköpfige Familie leicht 200 Euro kosten. Nach oben gibt es kaum eine Grenze.

Wenn man in den ersten Tagen des Jahres durch die Städte oder Siedlungen geht, sieht man an den Haustüren Gebinde aus Kiefer – und Ilexzweigen. Manchmal stecken sie in stilisierten Reisstrohgarben. Die Idee dahinter ist eine ähnliche wie die hinter unserem Brauch, im Winter die Wohnung mit immergrünen Zweigen zu schmücken.

Neujahr ist in Japan ein reines Familienfest. In diesen Tagen kommt die erweiterte Familie zusammen. Früher machte man in dieser Zeit auch Besuche bei Vorgesetzten und Freunden der Familie. Auf dem Land mag das auch heute noch so sein, aber in der Stadt ist von diesem Brauch nichts mehr zu sehen. Auf jeden Fall aber grüßt man alle, mit denen man im Laufe des letzten Jahres zu tun hatte oder die einem im letzten Jahr ein gutes Neues Jahr gewünscht haben, mit einer Neujahrskarte. Irgendwann in den letzten Tagen des Jahres gibt man sie zur Post, wo sie bis zum Neujahrstag aufbewahrt werden, um dann gebündelt den Familien zugestellt zu werden. Die normale Post ruht um Neujahr, aber die Karten werden früh am Morgen des 1. Januar zugestellt. Stellt man nun fest, dass jemand geschrieben hat, an den man nicht gedacht oder mit dem man nicht gerechnet hat, muss man dessen Neujahrsgruß in den nächsten Tagen noch erwidern. Man kann sich vorstellen, dass dieser Brauch ein Bombengeschäft für die japanische Post ist. Wer im Berufsleben steht oder stand, möglicherweise noch in leitender Position, bekommt und schreibt leicht mehrere hundert Karten. Eine Besonderheit gibt es allerdings: Gab es in einer Familie im Verlauf des Jahres einen Todesfall, sind die Trauernden am folgenden Jahresende von der Pflicht zum Kartenschreiben befreit. Allerdings darf ihnen dann auch niemand schreiben. Um sicherzustellen, dass das funktioniert, schickt man einige Wochen vor dem Jahreswechsel Karten an alle Bekannten, die signalisieren, dass man dieses Jahr „aussetzen“ muss.

Aramesh Offline




Beiträge: 7.480

15.01.2007 15:53
#2 RE: Neujahr antworten

Liebe Karin,

das war ein sehr interessanter Bericht von Dir, den ich gern gelesen habe. Es geht dort also eher leise und beschaulich zu, statt wie hier im Westen partymäßig laut. Das viele Kartenschreiben ist allerdings sehr nervtötend.

Was Du zur Nicht-Beachtung des japanischen Neujahres sagst, stimmt. Ich habe bisher nicht gewusst, wie dort gefeiert wird und es mir eher laut und fröhlich wie bei hier in Europa vorgestellt - vielleicht noch mit Glücksdrachen o.ä. Aber ist es nicht meist so: die Stillen gehen im lauten Trubel unter.

Habe vielen Dank für diesen schönen und ausführlichen Bericht.

Liebe Grüße

tyrus24 ( gelöscht )
Beiträge:

15.01.2007 17:07
#3 RE: Neujahr antworten

danke für diese tolle Zusamemnfassung des japanischen Neujahrs...
ich hab nur langsam echt ein Problem je mehr ich im Japanforum lese
umso mehr wächst in mir der Wunsch einmal dort hinzureisen...

Hat irgendwer eine Ahnung wos Geldbäume gibt die schnell wachsen

wiiiiinkeee

greatmum Offline




Beiträge: 7.842

15.01.2007 17:31
#4 RE: Neujahr antworten

Was ist mit den Menschen, die einfach das Geld für die Karten nicht haben? Wird es dann als Unhöflichkeit angesehen, wenn Diejenigen nicht schreiben?

mande ( gelöscht )
Beiträge:

15.01.2007 17:39
#5 RE: Neujahr antworten

Ja, lieber Tyrus, weiss leider auch nicht, wo Geldbäume wachsen. Hab mal nach ein Schatz gegraben und dies ist mir wie weiland Goethe passiert.

Der Schatzgräber

Arm am Beutel, krank am Herzen
Schleppt' ich meine langen Tage.
Armut ist die größte Plage,
Reichtum ist das höchste Gut!
Und, zu enden meine Schmerzen,
Ging ich, einen Schatz zu graben.
Meine Seele sollst du haben!
Schrieb ich hin mit eignem Blut.

Und so zog ich Kreis' um Kreise,
Stellte wunderbare Flammen,
Kraut und Knochenwerk zusammen:
Die Beschwörung war vollbracht.
Und auf die gelernte Weise
Grub ich nach dem alten Schatze
Auf dem angezeigten Platze;
Schwarz und stürmisch war die Nacht.

Und ich sah ein Licht von weiten,
Und es kam gleich einem Sterne
Hinten aus der fernsten Ferne,
Eben als es zwölfe schlug.
Und da galt kein Vorbereiten;
Heller ward's mit einem Male
Von dem Glanz der vollen Schale,
Die ein schöner Knabe trug.

Holde Augen sah ich blinken
Unter dichtem Blumenkranze;
In des Trankes Himmelsglanze
Trat er in den Kreis herein.
Und er hieß mich freundlich trinken;
Und ich dacht': es kann der Knabe
Mit der schönen lichten Gabe
Wahrlich nicht der Böse sein.

Trinke Mut des reinen Lebens!
Dann verstehst du die Belehrung,
Kommst mit ängstlicher Beschwörung
Nicht zurück an diesen Ort.
Grabe hier nicht mehr vergebens!
Tages Arbeit, Abends Gäste!
Saure Wochen, frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort.

*

Ja, Tyrus,
sei sparsam und spar.
Dann bist du in Japan,
im nächsten Jahr!

Mande

[ Editiert von Administrator mande am 15.01.07 17:40 ]

Revee ( gelöscht )
Beiträge:

15.01.2007 18:00
#6 RE: Neujahr antworten

Liebe Karin,

vielen Dank für diese tollen Infos. Ich finde es immer wieder sehr interessant, zu erfahren, was in anderen Kulturen üblich ist und was für eine Vielfalt es gibt.
Passt zudem sehr gut, da ich meine Japanerin im Roman dann auch mit Hintergrund ausstatten kann.

Lieber Gruß,
Lionne

KarinY ( gelöscht )
Beiträge:

16.01.2007 09:17
#7 RE: Neujahr antworten

@ greatmum

Der Kostenfaktor ist allerdings ein wichtiger Gedanke, über den ich in dem Zusammenhang noch gar nicht nachgedacht habe.
Ich denke aber, man muss diesen Brauch in dem großen Zusammenhang sehen, in den er hineingehört. Man verschickt die Karten ja nicht aus sentimentalen Gründen, sondern es steckt der Gedanke dahinter, sich bei all denen zu bedanken, die auf irgendeine Art und Weise im Sinne des Wohlergehens des Absenders der Karte gewirkt haben. Wenn jemand beispielsweise beruflich erfolgreich ist, dann verdankt er das nicht ausschließlich seiner Genialität, sondern dem sozialen Netzwerk, dem er angehört, und der Infrastruktur, die er nutzt. Ich glaube, dieser Gedanke ist in Japan noch recht stark. In unserer Gesellschaft scheint man das ein wenig vergessen zu haben.

Aber wie überall gibt es auch in Japan mittlerweile jede Menge Wind von vorn. Die lebenslange Sicherheit, die ein Angestellter einer Firma früher selbstverständlich genoss - man war quasi unkündbar und konnte zuverlässig jedes Jahr mit einer kleinen Gehaltserhöhung rechnen -, ist perdu. Es gibt immer mehr Leute, die von Teilzeitbeschäftigungen leben, freiberuflich tätig oder arbeitslos sind und ernsthafte finanzielle Probleme haben. Das zeigt sich auch sehr deutlich an der Heiratsstatistik und der Kinderzahl.

Bis vor wenigen Jahren fühlten sich ungefähr 90 % der Japaner der Mittelschicht zugehörig. - Das sagt natürlich nichts darüber aus, dass es tatsächlich jemals so gewesen ist, aber so war das Bewusstsein, und so fühlte man sich. Und zu diesem Bewusstsein passte der Neujahrskartenbrauch recht gut. Um direkt auf die Frage zurückzukommen: Selbst, wenn man knapp bei Kasse gewesen wäre, hätte man an Karten sicher nicht gespart, sondern überlegt, ob man sich anderswo einschränken kann. Sollte man aber arbeitslos werden, würde sich die Anzahl der Personen, denen man überhaupt noch schreiben müsste, drastisch reduzieren. Das wäre in der japanischen Gesellschaft, wie sie bis vor einigen Jahren war, in der man sich sehr über die Arbeit definierte, ohnehin das soziale Aus gewesen. Aber all das beginnt sich zu ändern, und der Brauch, Neujahrskarten zu verschicken, könnte damit bald schon an Bedeutung verlieren.

Annett S ( gelöscht )
Beiträge:

18.01.2007 23:53
#8 RE: Neujahr antworten

Hallo Tyrus,

hast Du schon mal über eine Arbeit in Japan nachgedacht? Oder du studierst dort. Vielleicht lernst Du ja auch jemanden übers Internet kennen, der Dir eine kleine Starthilfe in Japan gibt. Vorraussetzung ist natürlich das Du die Sprache und die Schrift beherrschst. Ich habe einige Europäer in Japan getroffen. Die Lebenshaltungskosten sind etwa genauso teuer wie in der Schweiz, aber man kann auch in Japan gut und günstig leben.

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