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Dieses Thema hat 9 Antworten
und wurde 539 mal aufgerufen
 Mosaik
Enno Ahrens ( gelöscht )
Beiträge:

11.12.2006 14:17
RE: Liebe Sylvia ... antworten

Antwort auf "Weihnachtswelt"

Liebe Sylvia,

ich würde dich ja sehr gerne einladen; aber ...

... ich habe die Halbwertzeit berechnet. Aus dem Treffen zu Weihnachten in Bremerhaven wird nichts werden können. Der Verfall wird bis dahin abgeschlossen sein. Ich hatte es ja immer befürchtet, dass es eines Tages einträfe. Nun hat es mich erwischt, und auch die anderen um mich herum. Selbst die alte Pilokat von nebenan, an der habe ich es auch beobachtet. Ihre Körperoberfläche, die gesamte Peripherie erscheint verschwommen. Sie löst sich auf samt Kleidung; bei mir ist es der linke Fuß, nur noch ein flimmerndes Scheingewebe. Meine Brille habe ich überprüft, an ihr liegt es nicht. Die alten Denker stellten sich schon damals die Frage, was die Welt wohl im Innersten zusammenhält. Es gab nie eine befriedigende Antwort.

Ich blicke mit Entsetzen aus dem Fenster, die Substanz der Bäume in der Konrad-Adenauer-Allee ist schon größtenteils verschwunden. Die Kraft, oder ist es keine Kraft, die den Dingen ihre Formen erhalten hatte, scheint plötzlich aus irgendeinem Grunde zu versagen. Die Zellverbände der Lebewesen fallen einfach auseinander und fliegen verstreut im Sonnenwind. Nur Elfriede Pilokat, meine resolute Nachbarin, betrachte ich in ihrem Garten, wie sie vor Freude wie ein junger Derwisch tanzt, ihre Blicke magisch in einen Handspiegel gerichtet, weil sich ihr hässlicher Buckel, an dem sie wie an einem Zentnersack Kartoffeln all die Jahre schwer getragen hatte, nun auflöst und einfach so verschwindet. Doch jetzt fallen ihr die Augen raus. Und meine Beine haben gänzlich ihre Form verloren, liegen vor mir am Boden wie Zuckersand, den keine Backform halten will.

Am Weihnachts-Termin, oder nach meinen Berechnungen genau am 24. Dezember 06 gibt es diese Welt nicht mehr. Aber Nostradamus hatte sich bereits geirrt; warum sollte ich mich da nicht verrechnet haben und die Welt macht was sie will...

*

juliamax Offline




Beiträge: 4.216

11.12.2006 16:50
#2 RE: Liebe Sylvia ... antworten

Na Enno, Du alter orakelnder Nostradamus, da wird Dir das Christkind wohl doch noch zu Weihnachten eine neue Brille besorgen müssen oder neue Kontaktlinsen, je nachdem.

Aber damit Du in Bremerhaven Dich nicht vor Überfällen jeglicher Art schützen mußt, sage ich Dir lieber gleich, daß mir der hohe Norden um die Jahreszeit viel zu naßkalt ist. Brrrrr.

Ich wünsche Dir trotzdem eine schöne Zeit und einen starken Sekundenkleber, der den pausenlosen Zerfall Deiner heilen Welt wieder kittet.


Grüße Deine Nachbarin Elfriede Pilokat und schenke ihr zu Weihnachten einen Glückskeks mit den Worten "Schönheit liegt in den Augen des Betrachters".

Enno Ahrens ( gelöscht )
Beiträge:

12.12.2006 18:21
#3 RE: Liebe Sylvia ... antworten

Sylvia, Überfälle sind zwecklos, dafür haben wir ihn ...

juliamax Offline




Beiträge: 4.216

13.12.2006 06:43
#4 RE: Liebe Sylvia ... antworten

Wann hast Du denn dieses Foto von Dir gemacht?

Enno Ahrens ( gelöscht )
Beiträge:

13.12.2006 12:09
#5 RE: Liebe Sylvia ... antworten

Du hast mich erwischt, Sylvia. Früher sah ich mal so aus ...



Bis nach de Feiertage, gell.

juliamax Offline




Beiträge: 4.216

13.12.2006 12:30
#6 RE: Liebe Sylvia ... antworten

Das ist doch was für unsere Ahnengalerie, oder nicht?

Aramesh Offline




Beiträge: 7.480

13.12.2006 13:38
#7 RE: Liebe Sylvia ... antworten

Was für ein hübscher Knabe!
Späte 70er Jahre???
Mein Bruder hatte zu dieser Zeit ein ähnliches Outfit.

Lieben Gruß

Enno Ahrens ( gelöscht )
Beiträge:

13.12.2006 14:54
#8 RE: Liebe Sylvia ... antworten

Grüße von mir an deinen Bruder! Und hier auf die Schnelle noch eine kurze Story aus meinen Hundstagen ...

Fortschritt mit Nebenwirkungen

Was hatte der Lehrer der kleinen Dorfschule in Hundehausen den Fortschritt gelobt, besonders in der Hauptstadt Dogcity sollte ein großer innovativer Schub erzielt worden sein. Und der Jungterrier Biffi wendete sich sofort an seinen Großvater Wuff, der erst vor drei Tagen Dogcity besucht hatte: „Opa Wuff, ich bin stolz jetzt zu leben.“
„Aber Biffi, warum?“
„Na, mein Lehrer hat gesagt: `Die Moderne hat ihren Zenit in der Stadt erreicht.` Du warst ja gerade dort.“
Wuff kratzte sich am Kopf: „Nun Biffi, ich habe noch die Zeit miterlebt, als das mit dem Fortschritt losging.“
„Oh prima, Opa Wuff, erzähl mir alles von Anfang an.“

„Nun ja, Biffi, unser hündisches Weltbild war immer sehr eingeengt gewesen. Gleichgültig registrierten wir unsere Hundevisagen, während das Interesse einzig den ungezählten Ärschen galt, die einem ständig ins Gesichtsfeld drängten. Hier auf dem Lande genoss man noch den Anblick eines jeden und schnüffelte lustvoll herum. Und kam mal ein Nachbarshund nicht nach draußen, litt man, als wenn drei fehlten. Aber in der Hauptstadt entwickelte sich diese Lust zum Frust.“
„Ja, Opa Wuff, das ist ja alles schön und gut. Aber wo blieb der Fortschritt?“

„Biffi, nun hab Geduld. Also einige sehr sensible Hunde reagierten total überspannt. Sie hatten die Nasen voll von dieser ewigen Präsenz unzähliger Ärsche und flüchteten sich in andere Forschungsgebiete. So kamen sie darauf, dass unsere Stöckchen Phallussymbole wären. Um so größer der Stock, desto kleiner der...na, du weißt schon. Und Hündinnen trügen Stöcke aus Penisneid als deren Ersatz.“
„Aber Opa, das ist doch alles Quatsch.“
„Ja, Biffi, erst hat es auch keinen interessiert. Es blieb forscherintern. Aber zeitgleich entstand im Stadtpark von Dogcity ein Problem. Unsere lieben Artgenossen hatten überall verstreut ihre prächtigen Stöckchen einfach liegen lassen. Ein chaotisches Bild bot sich und kleine Hunde stolperten immer wieder. So wurden die Stöckchen von der Stadtreinigung entsorgt und man hängte Tafeln mit der Aufforderung auf, die Stöcke nach dem Gassigehen unverzüglich mit nach Hause zu nehmen. Ergebnislos.“
„Na Opa, Stadthunde sind eben schlampig. Aber wie kam’ s nun zum Fortschritt?“

„Nun Biffi, ein Herr vom Stadtrat hatte von der Stöckchenforschung erfahren und es weit und breit publik gemacht.“
„Ach, Opa Wuff, du meinst die Sache mit dem größten Stöckchen beim kleinsten Pillermann tragen und so.“
„Genau Biffi. Und einige Stunden später sah man nur noch Rüden mit Minihölzchen demonstrativ promenieren, und die Hündinnen gingen ohne.“
„Aber Opa, das ist doch ein toller Erfolg gewesen. Die Zwerghunde konnten so nicht mehr stolpern und die winzigen Hölzchen trübten das schöne Parkbild kaum.“
„Ja Biffi, es stellte sich aber gleich eine Nebenwirkung ein. Wir Hunde hatten bis dato gerne vor unseren Hütten leckere Knochen geknabbert. Doch nun auf mal ergab sich eine zwingende Assoziation zu den phallischen Stöckchen, was uns in grässliche Zweifel trieb. Knochen wurden gemieden, und unser wichtigster Wirtschaftszweig, die Knochenfertigung, lahmgelegt.“
„Oh Opa, das war ja furchtbar. Aber konnte man da nichts machen?“
„Aber klar, Biffi, es hatte doch schon einmal funktioniert. Zunächst ehrte der Stadtrat die Stöckchenforscher. Und in deren Namen erfolgte eine öffentliche Proklamation zukunftsweisender Thesen. Man behauptete, das Fressen von Knochen wäre als Gehirnnahrung sehr zu empfehlen. Und im übertragenem Sinne würde dabei der Phallus bzw. die Clitoris vernichtet. So stelle es ein imaginäres Zeichen für den Überwindungswillen der genitalen Phase dar, in der wir bis dahin gefangen waren, und an welche die bis hierher unbekannte erstrebenswerte geistige Hoch- und Endphase direkt anknüpfen sollte. Nur durch Knochenfressen gelänge man dorthin. Und mehr Knochen als je zuvor wurden verzehrt, dass deren Produktion brummte.“
„Ein toller politischer Streich, Opa, und ein Triumph der Wirtschaft.“

„Klar, lieber Biffi, aber ich muss dich erneut enttäuschen. Auch hier gab’s eine Tücke. Jeder Hund litt nun an heftiger Verstopfung. Der Hintern juckte und man rutschte auf ihm herum. Die Menschen nennen es „Schlittenfahren“. Rizinusöl fand zwar kurzzeitig regen Absatz, aber die Dosierung blieb schwierig.“
„Ja, Opa Wuff, man hätte den Knochenverzehr einschränken müssen.“
„Biffi, du hast vergessen, dass man die genitale Phase durchbrechen wollte. Und man musste diese unangenehmen Nebenwirkungen halt ertragen. So ist das eben beim Fortschritt.“
„Gut, Opa Wuff, das ist Schnee von gestern. Nun hat man endlich den ultimativen Durchbruch geschafft, mit einer genialen Erfindung, hat mein Lehrer gesagt.“
„Ja, Biffi, aber auch dies ist wieder einmal mit einem riesigen Wehmutstropfen verbunden. Sämtliche Bäume in der Stadt, also auch die ungezählten Stammbäume, sind abgeholzt worden. Für so eine ungewisse und zunächst geheimgehaltene Neuschöpfung wollte kein Dörfler seinen Wald hergeben. Holz zum Heizen hat bei uns höchste Priorität. In der Stadt befinden sich jetzt überall Verkaufsstellen des neuen Produkts. Ich besorgte mir auch eins. Denn ohne gehen schickt sich in Dogcity nicht.“

„Cool, Opa, du hast mir aber noch nicht gesagt, um was für eine Erfindung es sich genau handelt.“
„Ja, Biffi, da wollte ich jetzt drauf kommen. Die Erfindung enthebt einem gleichsam vom Problem des Schlittenfahrens in eine höhere Sphäre mit Weitsicht. So schwärmen die Konstrukteure.“
„Klasse, Opa, ein Fortschritt also mit Perspektive.“
„Naja Biffi, man hat einfach aus den gefällten Bäumen Stelzen gefertigt, einen halben Meter hoch und nicht ganz bequem.“
„Geil, Opi, die einfachen Dinge sind meistens die genialen oder umgekehrt. So ähnlich hat sich mein Lehrer ausgedrückt.“
„Du überrascht mich, Biffi. Aber es ist wohl deiner Jugend zuzuschreiben.“

„Opa, ich muss unbedingt in die Stadt. Diesen irren Kick auf den Stelzen darf ich mir nicht entgehen lassen. Das ist wahrer Fortschritt. Eine neue Dimension.“
„Komisch Biffi, ich kapiere nicht, von was du redest. Diese blöden Stelzen drückten an den Pfoten.“
„Och, Opa Wuff. Dass ihr Alten immer an den neuen Dingen herumnörgeln müsst. Die Hunde in Dogcity sollen sehr stolz sein. Und ihr Bewusstsein hat sich enorm erweitert, hat mein Lehrer gesagt.“

„Ja, Biffi, ihre Köpfe tragen sie nun einen halben Meter höher. Doch die Blicklinie ist unverändert geblieben und darin drängen sich immer noch die gleichen Arschlöcher wie früher.“

* * *
Bis dann. Enno

juliamax Offline




Beiträge: 4.216

13.12.2006 15:46
#9 RE: Liebe Sylvia ... antworten

Na Kalli, was sagst Du zu dieser ausformulierten Opa/ Enkelkind - Geschichte?

Aramesh Offline




Beiträge: 7.480

13.12.2006 15:56
#10 RE: Liebe Sylvia ... antworten

Ja, Dogcity ist überall. Habe gerade eben in der Verwaltung wieder so eine Erfahrung gemacht.

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